Aktuelles
„Aktueller Stand der Forschung zu geschlechtsbezogener Gewalt“
Bericht über die Interdisziplinäre Summer School am 4./5. Juli 2011 in Wien
Am 4. und 5. Juli 20011 wurde das erste deutsch-österreichische Vernetzungstreffen von NachwuchswissenschaftlerInnen im Bereich der Forschung zu „Geschlecht und Gewalt“ im Rahmen einer Interdisziplinären Summer School mit dem Titel „Aktueller Stand der Forschung zu geschlechtsbezogener Gewalt“ in Wien abgehalten. Die Veranstaltung, die in Kooperation des Instituts für Politikwissenschaft der Universität Wien (Birgit Sauer), des Interdisziplinären Zentrums für Frauen- und Geschlechterforschung der Universität Bielefeld (Monika Schröttle) und des Netzwerks „Women against Violence Europe“ (WAVE, Julia Girardi und Maria Rösslhumer) abgehalten wurde, bestand aus einem internen und einem öffentlichen Tag.
Im Rahmen des internen Tages, an dem rund 20 junge Wissenschaftlerinnen ihre aktuellen Forschungsvorhaben präsentierten und diskutierten, wurden in vier Themenclustern Arbeiten aus unterschiedlichen Disziplinen und mit Bezügen zu verschiedenen europäischen Ländern besprochen. Im Cluster 1 „Gewalt, Migration und (neue) Kriege“ wurden unter anderem so genannte (Ehren-)Morde (Carina Agel, Gießen) und Partnergewalt gegen türkische Migrantinnen in Deutschland (Nadia Khelaifat, Bielefeld), außerdem Gewalt in Konflikt und Postkonfliktsituationen (Johanna Edthofer, Wien) sowie die gesellschaftliche Legitimation von Gewalt gegen Frauen in Afghanistan (Bele Grau, Köln) diskutiert. Diskutiert wurden u.a. begriffliche und methodologische Überlegungen, die es verhindern, durch Gewaltstudien MigrantInnen zu „othern“. Die Frage der eigenen Positionierung im Forschungsprozess wurde kritisch reflektiert. Auch die jeweiligen Vorzüge und Nachteile qualitativer bzw. quantitativer Forschungsansätze wurden abgewogen. Ein weiteres Themencluster befasste sich mit „Gewalt, Geschlecht und Konstruktion“ und griff dabei unter anderem das Konzept des „Doing Gender“ im Hinblick auf „Doing violence“ auf, um die Konstruktion(en) von Gewalt im Geschlechterverhältnis theoretisch und empirisch zu erfassen (Melanie Goisauf, Wien). Hier wurden neben theoretischen Überlegungen empirische Zugänge diskutiert, etwa im Hinblick auf „Frauenmorde in der Türkei als Verdichtung männlicher Gewalt“ (Günes Koc, Wien), die Visualisierung von genderbezogener Gewalt in Medien (Birgit Wolf, Barcelona) und die Möglichkeiten von „Widerstand angesichts verleiblichter Herrschaft“ (Sandra Glammeier, Bielefeld). In dem Cluster wurde die theoretische und empirische Komplexität der Fragestellung deutlich, die sich auch in den anspruchsvollen und herausfordernden methodischen Zugängen widerspiegelt. Zugleich wurden Schwierigkeiten und Lösungswege der wechselseitigen Bezugnahme von Theorie zu Praxis und vice versa diskutiert. Gerade die interdisziplinären bzw. disziplinübergreifenden Perspektiven auf die Thematik erwiesen sich hier, wie auch in den anderen Themenclustern, als besonders fruchtbar und weiterführend.
Im dritten Themencluster „Häusliche Gewalt und die Folgen – narrative biographische Methoden“ wurden aus erziehungs-, gesundheits- und sozialwissenschaftlicher Perspektive die Folgen von sexueller Gewalt auf das Alltagsleben von Frauen (Karolin Kappeler, Barcelona) beleuchtet. Darüber hinaus wurde die Frage, wie sich Vorerfahrungen mit sexualisierter Gewalt auf die Erziehung der eigenen Kinder auswirkt (Milena Noll, Frankfurt), vertieft und biographische Verläufe komplex-traumatisierter Frauen mit Kindern im Kontext des Gesundheits- und Jugendhilfesystems (Ute Zillig, Göttingen) betrachtet. Des weiteren wurde eine Forschungsarbeit zur gesundheitlichen Situation von Frauen während des Frauenhausaufenthalts (Katrin Klimke-Jung, Bochum) vorgestellt. In der Diskussionen in diesem Cluster wurde u.a. die Frage des eigenen Umgangs mit den Erzählungen von Gewalt betroffenen Frauen, also des subjektiven Einlassens und der wissenschaftlichen Distanz, aufgeworfen. Außerdem thematisierten die Teilnehmerinnen Ansprüche und Probleme der Umsetzung von Forschungsergebnissen in konkrete Handlungsvorschläge. Das vierte Cluster „Häusliche Gewalt in vergleichender Perspektive“ umfasste zum einen international vergleichende Forschungsarbeiten zu „Gender-based Violence, Stalking and Fear of Crime“ (Katrin List/Rosa Schneider, Bochum), zum anderen national ausgerichtete Forschungsarbeiten zu gesellschaftlichen Einstellungen zu häuslicher Gewalt in Russland (Ksenia Meshkova, Frankfurt), zum Kampf gegen Gewalt gegen Frauen in der Türkei aus einer lokalen Perspektive (Helin Ucar, Berlin) sowie eine Politikfeldanalyse zur Bekämpfung von häuslicher Gewalt in der BRD (Eva Buchholz, Kiel). In dem Cluster wurden zum einen Möglichkeiten, Methoden und Grenzen der Vergleichbarkeit von Forschungsergebnissen zwischen verschiedenen Ländern und (Sub-)Kulturen sichtbar (mit einer kritischen Perspektive auf die Kulturalisierung von Gewalt), die weiterer internationaler Diskussion und Vertiefung bedürfen. Zum anderen wurde deutlich, wie wichtig auch politisch eine kritische Reflexion der Anti-Gewalt-Arbeit in den einzelnen Ländern und Regionen ist, um Erfolge und Hindernisse – spezifiziert, aber auch international vergleichend – auswerten zu können.
Alles in allem zeigte der umfangreiche und hoch engagierte interne Austausch von laufenden und kürzlich abgeschlossenen Forschungsarbeiten der NachwuchswissenschaftlerInnen zu Geschlecht und Gewalt die Bedeutung von internationalen und disziplinübergreifenden Diskussionen auf, um Gewalt im Geschlechterverhältnis in ihren vielfältigen Ausprägungen und Kontexten sowie Bedeutungen und Auswirkungen besser verstehen (und bekämpfen bzw. überwinden) zu können. Dass dabei gerade die Annäherung und Verknüpfung von theoretischen und empirischen Erkenntnissen sowie von Forschung, Politik und Praxis wichtig und weiterführend sind, konnte das Zusammentreffen der fachlich und inhaltlich diversen jungen Wissenschaftlerinnen verdeutlichen.
Die fruchtbare Verbindung von Theorie, empirischer Forschung, Politik und Praxisarbeit setzte sich am zweiten, öffentlichen Tag der Summerschool fort. Ca. 70 TeilnehmerInnen aus der Wissenschaft, aus Frauenhilfseinrichtungen und aus der Politik nahmen an dem öffentlichen Tag teil und trugen durch ihren trans- und interdisziplinären Hintergrund zu lebhaften Diskussionen bei. Im Sinne einer methodischen Vielfalt wurden Vorträge aus der Unterstützungs- und Interventionspraxis zu „Opferschutz und Prozessbegleitung“ (Birgitt Haller), aus der Theoriedebatte zum „Intersektionellen Gewaltbegriff“ (Birgit Sauer) und aus der empirischen Forschung zu „Gewalt, Geschlecht und dem Beitrag der quantitativen Forschung“ (Monika Schröttle) gehalten und im Anschluss in Arbeitsgruppen vertieft. Kritisch diskutiert wurde an diesem zweiten Veranstaltungstag auch der Fragebogen der ersten österreichischen Gewaltprävalenzstudie, bei der Frauen und Männer nach Opferwerdung und TäterInnenschaft in verschiedenen Lebensbereichen befragt wurden (Olaf Kapella). Einen gelungenen politischen Abschluss bildeten die beiden Abendvorträge, bei denen vertiefende Einblicke in die aktuellen Entwicklungen und Diskussionen auf europäischer Ebene gegeben wurden. So referierte Carol Hagemann-White Befunde, Barrieren und Bedarfe „auf dem Weg zu einer EU-weiten Strategie gegen Gewalt im Geschlechterverhältnis“ und Rosa Logar diskutierte „Europäische Standards gegen Gewalt gegen Frauen“ in Bezug auf die neue Konvention des Europarates.
Die Initiatorinnen dieser ersten Interdisziplinäre Summer School zu Geschlecht und Gewalt sind sich, nach dem großen Interesse und der inhaltlich weiterführenden und anregenden Diskussion an den beiden Veranstaltungstagen, sicher, dass dies nicht die letzte gemeinsame Veranstaltung dieser Art war. Es wurde verabredet, die NachwuchswissenschaftlerInnen künftig wechselseitig zu Vernetzungstreffen in Deutschland und Österreich einzuladen. Aber auch über eine Fortsetzung der Summer School, dann eventuell auch unter Einbindung weiterer europäischer PartnerInnen, ist angedacht.
![]() |
RingvorlesungGewalt & Handlungsmacht
|
Sommersemester 2011
Donnerstags von 12:00 - 13:30 Uhr
Hörsaal 3 im NIG (Erdgeschoß)
Feministische Interventionen der letzten Jahrzehnte hatten institutionalisierte Maßnahmen gegen bestimmte Formen geschlechtsspezifischer Gewalt zur Folge. Dieser Entwicklung steht eine transformierte wissenschaftliche Auseinandersetzung gegenüber: Der Blick wird zunehmend auf Handlungsmacht (Agency) von Frauen gerichtet und die Debatte um queere sowie postkoloniale Sichtweisen erweitert.
Die interdisziplinäre Ringvorlesung des Gender Initiativkollegs beschäftigt sich mit aktuellen Herausforderungen feministischer Perspektiven auf Gewalt und Agency. Dabei geht es auch um die Verwobenheit einer vergeschlechtlichten Dimension mit anderen gewaltförmigen Verhältnissen wie Rassismus, Heteronormativität oder Klasse. Bei der Thematisierung von Handlungsmacht darf nicht übersehen werden, dass gewaltvolle Strukturen weiterhin bestehen. Welche sozialen Praktiken als Gewalt benannt werden, ist Gegenstand von gesellschaftlichen Deutungskämpfen. Im Spannungsfeld von Gewalt und Agency stellt sich die zentrale Frage, wie feministische Ansätze die vielgestaltigen Gewaltformen adäquat erfassen und an ihrer Transformation mitwirken können.
Organisation
Susanne Hochreiter, Eva Kreisky und die Kollegiat_innen des Gender Initiativkollegs
„Gender Plus“
Gleichstellungspolitiken im intersektionellen Kontext
Workshop des Forschungsprojekts QUING
31. Januar 2011
13.00–19.30 Uhr
Institut für die Wissenschaften vom Menschen
Spittelauer Lände 3
1090 Wien
Die Veranstaltung soll dazu dienen, die Ergebnisse des QUING (Quality in Gender+ Equality Policies) Projekts für Österreich und Deutschland zu den Themen „Intimate Citizenship“ und „Non-Employment“ einer größeren Öffentlichkeit zu präsentieren. Da sich die Diskussion der Ergebnisse auf den deutschsprachigen Raum bezieht, soll auch die Gleichstellungspolitik der Schweiz durch die Panel-Diskutantinnen im Rahmen der Veranstaltung behandelt werden. Der Abendvortrag wird versuchen die Probleme derzeitiger Gleichstellungspolitiken aufzuzeigen und die europäischen Gleichstellungspolitiken Revue passieren zu lassen.
PROGRAMM
13.00-13.15
Birgit Sauer
Begrüßung
13.15-14.00
Mieke Verloo
Intimate citizenship und non-employment. Die QUING-Studie (auf
Englisch)
14.00-15.30
Panel 1: „Intimate Citizenship“. Befunde aus Deutschland
Doris Urbanek (Universität Wien) – QUING-Ergebnisse
Jutta Wagner (Deutscher Juristinnenbund)
Ulrike Lunacek (MEP Grüne)
Zita Küng (EQuality, Zürich)
Moderation: Elisabeth Holzleithner (Universität Wien)
15.30-16.00 Pause
16.00-17.30
Panel 2: „Non-employment“/Care-Politiken in Österreich
Karin Tertinegg und Birgit Sauer (Universität Wien) – QUINGErgebnisse
Sabine Wagner (Gleichbehandlungsanwältin, Wien)
Gesine Fuchs (Universität Zürich)
Uta Meier-Gräwe (Mitglied der Sachverständigenkommission für
den Ersten Gleichstellungsbericht der Bundesrepublik
Deutschland,
Justus-Liebig-Universität Gießen)
Moderation: Erna Appelt (Universität Innsbruck)
17.30-18.00 Pause
18.00-19.30
Gabriele Wilde (Westfälische Wilhelms-Universität Münster)
Gleichstellungspolitik im Querschnitt – Politik und
Intersektionalität
